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Alltagsleben im 1. Jh. n. Chr.

Wer waren die Germanen ?

Mit dieser Frage begibt man sich auf den unsicheren Boden der ethnischen Deutung, also dem Versuch, die archäologische Überlieferung mit der schriftlichen in Einklang zu bringen. Zunächst ist es schwierig, die fast ausschließlich von römischen Schriftstellern stammenden Nachrichten richtig zu deuten. Kenntnis über weit entfernt lebende Bevölkerungen erlangten die Römer meist durch militärische Auseinandersetzungen mit ihnen. Ihr Wissen über ferne Länder nahm mit größerer Entfernung von ihren Grenzen rapide ab. Auch wurden die "Barbaren" in der antiken Welt meist entsprechend der allgemeingültigen Vorstellungen über sie, dem "topos" entsprechend beschrieben. Dieser topos ist für manches Fehlurteil verantwortlich. Er wirkt sich bis heute aus im volkstümlichen Bild des Germanen als bärtiger, wilder, mit Fellen bekleideter, saufender, streitlustiger, hünenhafter, blonder und blauäugiger Recke. Hinderlich für eine nüchterne Begutachtung der Quellenlage ist auch das vom Nationalismus des 19. Jahrhunderts und nicht zuletzt vom Dritten Reich gezeichnete Bild des Germanen, der uneingeschränkt als Vorfahr der Deutschen gesehen wurde, einerseits als Gegenbild zu den - ebenso unsinnig mit den Franzosen gleichgesetzten - Kelten, andererseits als Freiheitskämpfer gegen die Eroberer aus Rom. Von diesen immer noch weit verbreiteten Bildern gilt es sich zu trennen, will man erklären, was man heute meint, wenn man von "den Germanen" spricht.

Alles in der Geschichte hat seine Vorfahren und Nachkommen. Wenn man, um historische Vorgänge besser fassen zu können, Grenzen zieht, so geschieht das zwar meist nicht ohne guten Grund, bleibt aber letztendlich doch willkürlich. Am Ende des 2. Jahrhunderts v.Chr. mußten sich die Römer gegen einfallende Kimbern und Teutonen wehren. Die Römer hielten sie zunächst für Kelten, erst über hundert Jahre später wurden diese Stämme mit Germanen identifiziert. Der erste, der Germanen erwähnte, war Poseidonios von Apameia (Syrien) um 90 v.Chr. (nicht im Original, sondern nur als Zitat bei Athenaios 4,153E überliefert) , welcher sie allerdings noch als Teilstamm der Kelten beschrieb. Eine klare Trennung zwischen Kelten und Germanen nahm erst Gaius Iulius Caesar im Zuge seiner Beschreibung des Gallischen Krieges vor (zu Germanen insbesondere: 1,31-54; 2,4; 4,1-19; 6,21-28). Für ihn siedelten die Kelten links und die Germanen rechts des Rheins. Sein Kampf gegen den germanischen Heerführer Ariovist, den er 58 v. besiegte und seine Rheinüberschreitungen in den Jahren 55 v. und 52 v. brachten erste Nachrichten über Bevölkerungsgruppen östlich des Rheins. Im Heer des Ariovist werden Haruden, Markomannen, Triboker, Vangionen, Nemeter, Sedusier und Sveben erwähnt (Bell. Gall. 1,51,2).

Als ein archäologischer Vorläufer der mit den Germanen gleichgesetzten Kulturerscheinungen kann die seit etwa 700 v.Chr. in Norddeutschland und Dänemark verbreitete Jastorf-Kultur angesehen werden. In ihr sind einige Elemente erkennbar, die mit den späteren Hinterlassenschaften der Germanen in Verbindung stehen. Trotzdem wird sie noch nicht mit einer germanischen Bevölkerung gleichgesetzt. Die Jastorf-Kultur im Norden und die keltische Latène-Kultur im Süden Deutschlands füllen den Zeitraum der sogenannten vorrömischen Eisenzeit. In den Jahrzehnten um die Zeitenwende beginnt dann, was in den Archäologie ältere Römische Kaiserzeit genannt wird. Die keltische Bevölkerung ist in Süddeutschland weitgehend verschwunden und was nun in Mitteleuropa grob gesprochen zwischen Nord- und Ostsee, Rhein, Donau und Weichsel siedelt, wird auch von archäologischer Seite als germanisch bezeichnet.

Die wichtigste römische Quelle für die Germanen der älteren Römischen Kaiserzeit stellt die Germania des Tacitus dar. Tacitus war vermutlich in den römischen Provinzen als Beamter tätig gewesen und kannte so zumindest ein Teil des von ihm beschriebenen aus erster Hand. Trotzdem ist bei vielen seiner Nachrichten Zweifel angebracht, insbesondere weil er seinen römische Lesern die Germanen als ursprünglich und einfach schildern wollte, im Gegensatz zu dem von ihm verachteten und in seinen Augen dekadenten Höflingen in Rom. Hier spielt der oben erwähnte "Barbaren-topos" eine wichtige Rolle. Neben Sitten und Gebräuchen überliefert Tacitus insbesondere viele Stammesnamen. Diese mit archäologischen Fundprovinzen zu identifizieren, wie sie von Rafael v. Uslar 1938 insbesondere anhand der Keramik definiert wurden, gelingt nur eingeschränkt. Man unterscheidet Rhein-Weser-Germanen, Nordseegermanen, Elbgermanen und Ostgermanen. Wie schwierig die Zuweisung im Einzelfall schon in der Antike war, schreibt Tacitus (Germania8) über die nach Kultur und Sprache keltischen Treverer (im Trierer Raum) und die belgischen Nervier, welche weder damals noch heute zu den Germanen gezählt werden, sich jedoch ihrer germanischen Herkunft rühmten. In diesem Zusammenhang ist entscheidend, daß sich der Einzelne damals primär nicht als Germane, sondern als Suebe oder Chatte - also einem speziellen Stamm zugehörig - empfand. Auch ist das von Tacitus geschilderte Bild sehr grob: jeder Stamm gliederte sich in eine nicht nachvollziehbare Anzahl von Teil- und Unterstämmen, die zudem noch durch Bündnisse und Wanderungen aus anderen Stämmen entstehen oder in diesen aufgehen konnten. In der Praxis der archäologisch fundierten Rekonstruktion macht es daher wenig Sinn, einen bestimmten Stamm darstellen zu wollen, da dafür die archäologischen und schriftlichen Quellen einfach nicht ausreichen, bzw. letztere mit ersteren auf lokaler Ebene nur selten miteinander in Einklang zu bringen sind.

Die ältere römische Kaiserzeit endet per Definition mit den Kriegen der Römer gegen die Markomannen, etwa 160/170 n. Chr. In der Folgezeit, der jüngeren Römischen Kaiserzeit, bilden sich Großstämme wie Alamannen und Franken heraus, die schließlich Anfang des 5. Jahrhunderts endgültig die Römer als Machthaber in West- und Mitteleuropa ablösen. In der Merowingerzeit (etwa 450 n. bis 720 n.) lassen sich diese Stämme schon nicht mehr unter dem Oberbegriff "Germanen" zusammenfassen. Die unterschiedliche historische Entwicklung läßt diese Bezeichnung unangebracht erscheinen.

Zusammengefaßt bedeutet dies, daß Germanen eine römische Bezeichnung für Angehörige bestimmter Stämme des 1. Jh. v. bis 5. Jh. n.Chr. im mitteleuropäischen Raum ist. Diese Bezeichnung ist von der Archäologie teilweise übernommen worden und wird auf unterschiedliche Kulturerscheinungen angewendet, wobei in den Randgebieten diese Zuweisung durchaus umstritten sein kann.

Für die römische Kaiserzeit sind als archäologischen Quellen Gräberfelder, Siedlungen und Moorfunde von Bedeutung. Die ihnen entstammenden Funde lassen sich - je nach Art der Auffindungsumstände und des Fundes selbst mehr oder weniger gut - einem bestimmten Abschnitt innerhalb dieses Zeitraums zuordnen. Aus diesen Zuordnungen entsteht eine zeitliche Abfolge der materiellen Güter einer Epoche, eine Chronologie. Die meisten archäologischen Chronologien in Mitteleuropa beruhen auf dem Umstand, daß einige Dinge häufig mit anderen zusammen auftreten, während sie in Gesellschaft von dritten nicht gefunden werden. Um diese Dinge (wie Schmuck oder Waffen) möglichst genau zu beschreiben, werden "Typen" beschrieben, die sich durch bestimmte definierende Merkmale auszeichnen. Solche Merkmale können technischer Natur sein oder beispielsweise eine bestimmte Verzierung oder Größenverhältnisse betreffen. Über die Kombinationen unterschiedlicher Typen verschiedener Sachgruppen miteinander entwickelt man eine Vorstellung vom Aufeinanderfolgen. Voraussetzung für diesen Vergleich der Gegenstände miteinander ist, daß sie - zum Beispiel in einem Grab - zum gleichen Zeitpunkt niedergelegt wurden.

Um sich den Überblick zu erleichtern und weil bestimmte Fundkombinationen besonders häufig sind, unterteilt man einen Zeitabschnitt in Stufen. Diese Stufen werden jeweils durch eine Auswahl bestimmter Typen charakterisiert, die als typisch für sie angesehen werden. Nachdem die relative Abfolge der einzelnen Stufen erarbeitet ist, versucht man, sie mit unserer Zeitrechnung zu verbinden. Dies wird, im Gegensatz zur relativen, absolute Chronologie genannt. Schwierig sind Fundstellen zeitlich einzuordnen (zu datieren), bei denen - wie in den Siedlungen oder bei Opfermooren - über einen längeren Zeitabschnitt hinweg Funde in den Boden gelangten. Auch versagt die Chronologie dort, wo es keine Vergleichsmöglichkeiten mit bekannten Typen gibt. Dies ist der Grund dafür, weshalb sich viele Moorleichen nur sehr grob datieren lassen. Generell gibt es bei allen Sachgütern Formen, die sich nur sehr langsam verändern, besonders wenn sie eine bestimmte Funktion erfüllen, wie dies z.B. bei Werkzeugen der Fall ist. Entsprechd sind andere Sachgruppen - wie z.B. der Schmuck - in kurzen Zeitabständen Veränderungen (Wechseln in der Mode) unterworfen.

Zur älteren römische Kaiserzeit hat H. J. Eggers die betreffenden Stufen erarbeitet. Er untersuchte in seiner Arbeit das von den Germanen importierte römische Metallgeschirr, ein Luxusgut, welches sich großer Wertschätzung bei diesen erfreute. Zwar sind seit dem Entstehen dieser Arbeit viele neue Ergänzungen und Veränderungen an seiner Einteilung vorgenommen worden, in den Grundzügen hat sie jedoch noch immer Bestand. Eggers unterteilte die römische Kaiserzeit in die Stufen A, B, C und D. A und B bilden die ältere, C und D die jüngere römische Kaiserzeit. Für Ars Replika e.V. ist die Stufe B entscheidend, die von mehreren Bearbeitern anhand unterschiedlichen Materials aus verschiedenen Gebieten weiter unterteilt wurde.

Literatur:

Bantelmann, N., Zur relativen Chronologie der älteren römischen Kaiserzeit im Gebiet der unteren Elbe. Offa 46, 1989, 95-110.
Beck, H. (Hrsg.), Germanenprobleme aus heutiger Sicht. Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 1
   (Berlin/New York 1986).
Eggers, H. J., Der römische Import im Freien Germanien. Atlas der Urgeschichte 1 (Hamburg 1951).
Herrmann, J. (Hrsg.), Die Germanen. Geschichte und Kultur der germanischen Stämme in Mitteleuropa. Band I: Von den Anfängen
   bis zum 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie der
   Akademie der Wissenschaften der DDR 4/I (Berlin 1988).
Lund Hansen, U., Römischer Import im Norden. Warenaustausch zwischen dem römischen Reich und dem freien Germanien
   während der Kaiserzeit unter besonderer Berücksichtigung Nordeuropas. Nordiske Fortidsminder Ser. B, 10 (København 1987).
Menghin, W., Kelten, Römer und Germanen. Archäologie und Geschichte (München1980).
v. Uslar, R., Westgermanische Bodenfunde der ersten bis dritten Jahrhunderts n.Chr. aus Mittel- und Westdeutschland.
   Germanische Denkmäler der Frühzeit 3 (Berlin 1938).
v. Uslar, R., Bemerkungen zu einer Karte germanischer Funde der älteren Kaiserzeit. Germania 29, 1951, 44 ff.

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